Syrien befindet sich im Spannungsfeld zwischen Zerstörung und Aufbruch: Nach über 50 Jahren Diktatur und 13 Jahren Bürgerkrieg wünschen sich die Menschen vor Ort einen Neuanfang. Angesichts der Herausforderungen beim Wiederaufbau der Infrastruktur sind Partnerschaften mit ausländischen Akteuren durchaus erwünscht. Wer jedoch nach Syrien reisen möchte, sollte sich intensiv mit dem Thema Sicherheit auseinandersetzen. Andreas Radelbauer, Leiter der Auslands- und Reisesicherheit bei Corporate Trust, ist Redner auf der BVSW-Veranstaltung Auslandssicherheit im Juni 2026 am Munich Airport und wird dort über die Sicherheitslage für Reisende in Syrien referieren. Wir haben vorab mit ihm gesprochen.

BVSW: Wie bewerten Sie die Sicherheitslage aktuell in Syrien im Spannungsfeld zwischen Übergangsregierung, SDF, IS und anderen Gruppierungen?

Insgesamt ist es in einigen größeren Städten und vor allem in Damaskus relativ ruhig geworden. Die Sicherheitslage ist trotzdem weiter fragil, auch wenn schon zwischen Übergangsregierung (Präsident Ahmed al-Scharaa) und SDF (Syrien Democratic Forces – General Mazloum Abdi) Friedensabkommen geschlossen worden sind. Die Regierung Al-Sharah pocht auf staatliche Souveränität und Eingliederung der SDF in nationale Strukturen, im speziellen in der Nordost-Region, wo die SDF präsent ist. Allerdings sind wiederholt getroffene Vereinbarungen zwischen den Parteien aufgekündigt worden und militärisch eskaliert. Bezüglich IS kann man feststellen, dass sowohl die Übergangsregierung als auch SDF den IS bekämpfen, allerdings nicht als geschlossene Allianz, sondern jeweils mit eigenen Strukturen und Interessen. Abgesehen von SDF und IS gibt es auch noch kleinere islamistische Gruppen und lokale Stammesmilizen in der alawitischen Küstenregion und im Osten Syriens.

BVSW: Mit welchen Methoden ermitteln und bewerten Sie die Risiken in Syrien?

Grundsätzlich ist es nicht möglich, ganz Syrien mit einer Aussage zu bewerten. Jede Stadt, Region, Bezirk, Straße, usw. hat unterschiedliche Risiken, die man betrachten und bewerten muss. Wir verfügen über spezielle Länderinformationssysteme, die in Echtzeit Informationen liefern. Aber vor allem beurteilen wir die Risiken sehr individuell mit persönlichen Eindrücken vor Ort in Verbindung mit einem lokalen Netzwerk in ganz Syrien. Diese Risikobewertung wird immer in Verbindung mit dem jeweiligen Kunden abgestimmt.

BVSW: Welche Rolle spielen lokale Partner, Behörden oder Sicherheitsnetzwerke bei der Analyse und wie gewährleisten Sie deren Zuverlässigkeit?

Eine sehr große! Es ist absolut erforderlich, Kontakte zu Regierungskreisen, Behörden, Wirtschaftsverbänden, Sicherheitsprovidern etc. zu haben, zu pflegen und diese sowohl zu hinterfragen als auch deren Handlungsfähigkeit zu überprüfen. Die Zuverlässigkeit der Kontakte hat hier oberste Priorität, wobei man nicht von den Standards in Europa ausgehen darf und immer bereit sein muss, Kompromisse zu finden.

BVSW: Was sind derzeit die größten sicherheitstechnischen Herausforderungen für Reisende in Syrien?

Die größten sicherheitstechnische Herausforderungen für Reisende in Syrien sind derzeit eine insgesamt hochvolatile Konfliktlage, fehlende staatliche Schutzstrukturen und ein hohes Risiko für Gewalt- und Willkürereignisse im ganzen Land.

BVSW: Wie bereiten Sie Ihre Klienten auf Reisen nach Syrien vor?

Durch eine klare Bestandsaufnahme, welche Tätigkeiten der Klient vor Ort umsetzen möchte. Im Anschluss daran wird ein individuelles Konzept entwickelt, welches unter anderem Länderrisiken, Risk Assessments, Reisesicherheits-trainings, Fahrerservice mit Personenschutz, Evakuierungsplanung (mit Safe Houses), Krisenhotline mit Alarmablaufplanung, medizinischen Rückführung und weitere risikominimierende Maßnahmen beinhaltet.

BVSW: Zu welchen Maßnahmen sind Unternehmen rechtlich verpflichtet, wenn sie ihre Mitarbeitenden nach Syrien entsenden?

Es geht hier vor allem um die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers, welche nicht in einem einzigen „Fürsorgepflicht‑Gesetz“ steht, sondern sich auf mehrere zentrale Normen, vor allem im BGB und im Arbeitsschutzrecht verteilt. Bei einer Entsendung ins Ausland erhöht sich der Umfang der Fürsorgepflichten, weil zusätzliche Risiken wie Sicherheit, politische Lage, medizinische Versorgung etc. hinzukommen. Speziell vor der Entsendung ist es eine Risikoanalyse zum Einsatzland erforderlich. Eine Orientierung gibt hier die ISO 31030 Travel-Risk-Management Richtlinie. Verletzt der Arbeitgeber seine Fürsorgepflicht fahrlässig oder vorsätzlich, drohen Schadensersatz‑ und ggf. Schmerzensgeldansprüche der Arbeitnehmer.

BVSW: Welche Technologien setzen Sie ein, um Reisende abzusichern und welche Limits gibt es hier?

Es werden vor allem digitale Technologien, wie z.B. spezielle Smartphone-Apps, Standort-Tracking, Notfall- und SOS-Lösungen, Kommunikations- und Massenalarmierungssysteme verwendet. Der Einsatz solcher Technologie stößt dabei immer wieder auf klare rechtliche, organisatorische und technische Grenzen – sowohl im Heimat- als auch im Zielland. Speziell in den DACH-Staaten spielt hier der Datenschutz eine große Rolle.

BVSW: Wie bewerten Sie die zukünftige Entwicklung der Reisesicherheit in Syrien?

Zunächst einmal die behördliche Einschätzung: das Auswärtige Amt hält eine landesweite Reisewarnung aufrecht und warnt ausdrücklich vor Reisen nach Syrien; die Sicherheitslage wird als „äußerst volatil“ beschrieben. Botschaften bleiben immer noch geschlossen, allerdings finden schon Vorbereitungs- und Aufbauprozesse statt, die laut Insidern zeitnah abgeschlossen und Botschaften noch 2026 wieder eröffnet, bzw. dauerhaft besetzt werden sollen.

Aus meinen persönlichen Erfahrungswerten in Syrien denke ich, dass die zukünftige Entwicklung des Landes nicht nur Risiken birgt, sondern auch wirtschaftliche Chancen für DACH-Unternehmen mit sich bringt. Aus meiner Sicht eine gute Zeit, sich als „Early Bird“ durch verhältnismäßige Vorbereitungshandlungen als Unternehmen zu etablieren. Corporate Trust ist seit August 2025 in Syrien präsent und im Stande, sämtliche Sicherheitsdienstleistungen abzudecken.

Andreas Radelbauer, Leiter Auslands- und Reisesicherheit, Head of Travel Risk & Security bei Corporate Trust