Interview mit Alexander Dupp, alexanderdupp.de
BVSW: Herr Dupp, Sie sind seit Kurzem Mitglied im BVSW. Was hat Sie zur Mitgliedschaft bewogen?
Mich hat vor allem mein Netzwerk zum BVSW geführt. Ich habe Kontakte zu mehreren Mitgliedern und konnte so einen guten Einblick in die Arbeit des Verbands gewinnen. Vor allem der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen sowie der Zugang zu aktuellen Entwicklungen in der Unternehmens- und Gebäudesicherheit stellen für mich einen besonderen Mehrwert dar. Außerdem schätze ich den Wissenstransfer zwischen Praxis, Normung und Wirtschaft sowie den interdisziplinären Ansatz, der für moderne Sicherheitstechnik so entscheidend ist.
Nicht zuletzt ist der BVSW für mich auch eine Plattform, um mein eigenes Fachwissen aus Gutachten, Prüfung und der Erstellung von Sicherheitskonzepten einzubringen und mein Netzwerk in Bayern und darüber hinaus weiter auszubauen.
BVSW: Welche Leistungen bieten Sie an und mit welchen Anliegen kommen Ihre Kunden auf Sie zu?
Unser Leistungsspektrum umfasst die gesamte Bandbreite der physischen Gebäudesicherheit – von der Planung bis zur Begutachtung im Schadensfall. Zu unseren Kunden zählen Unternehmen unterschiedlicher Branchen, exponierte Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft sowie Privatpersonen, die den Einbruchschutz an ihrem Anwesen verbessern oder neu planen möchten. Entsprechend ihrer Anforderungen entwickeln wir gemeinsam mit Architekten und Sicherheitsfachleuten individuelle Sicherheitskonzepte. Außerdem führen wir Risiko- und Schwachstellenanalysen für Neubauten und Bestandsobjekte durch. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Erstellung von Gutachten – etwa nach Einbrüchen oder bei Baumängeln. In unserem Prüflabor können wir zudem reale Situationen nachstellen und analysieren.
BVSW: Was bedeutet „bauliche Sicherheit“ für Sie konkret im Alltag?
Gebäudesicherheit ist immer ein Binom aus Mechanik und Elektrik. Wichtig ist, dass beide Systeme zusammen funktionieren. Es genügt nicht, einen starken physischen Schutz durch die Gebäudehülle herzustellen und dann keine Video- und Alarmsysteme zu installieren.
BVSW: Worin unterscheiden sich die Anforderungen an die Sicherheit von Unternehmensgebäuden im Vergleich zu privaten Wohnhäusern?
Im Unternehmen stehen oft höhere Schutzwerte im Fokus, wie beispielsweise Daten, Technik und Prozesse. Gleichzeitig ist der Zugang komplexer, bedingt durch unterschiedliche Nutzergruppen mit entsprechenden Berechtigungen. 24/7-Betriebsabläufe erhöhen das Risiko zusätzlich.
Ein privates Wohnhaus dagegen ist in erster Linie ein emotionaler Schutzraum für die Familie. Deshalb liegt der Fokus hier stärker auf der persönlichen Sicherheit sowie dem klassischen Einbruchsschutz.
Die Grenzen sind allerdings fließend. Wer in seinem Wohngebäude einen hohen Sicherheitsstandard braucht, benötigt eventuell ein ähnliches Schutzniveau im Unternehmen.
BVSW: Welche besonderen Anforderungen stellen schutzbedürftige Familien und exponierte Personen an bauliche Sicherheitskonzepte?
Im privaten Wohnbereich gelten heute erhöhte Anforderungen an die Gebäudehülle mit einer Widerstandsklasse von RC3 als sinnvolle Untergrenze. Die aktuellen normativen Voraussetzungen sind etwas älter und fordern ein geringeres Schutzniveau, das aber nicht das veränderte Täterverhalten berücksichtigt. Heute kommt auch der Gelegenheitstäter mit schwerem Werkzeug.
Gleichzeitig sollen die Sicherheitsmaßnahmen diskret sein, das Haus darf keinen Festungscharakter bekommen. Eine mehrstufige Zugangssicherung ist ebenso wichtig wie die Berücksichtigung von Flucht- und Notfallszenarien. In besonderen Fällen kann eine Abstimmung mit dem Personenschutz und Behörden erforderlich sein.
BVSW: Gibt es typische Denkfehler oder Fehleinschätzungen, die sowohl Unternehmen als auch Privatpersonen machen?
Häufig wird angenommen, dass eine Einbruchmeldeanlage und eine Kamera ausreichen. Doch eine Einbruchmeldeanlage schlägt erst dann Alarm, wenn ein Einbruch stattgefunden hat und der Täter sich bereits im Gebäude befindet. Sinnvoller ist es, bereits frühzeitig zu detektieren, ob sich jemand dem Anwesen nähert. Außerdem wird oft auf verschiedene Einzelmaßnahmen gesetzt, statt ein stimmiges Gesamtkonzept zu planen.
BVSW: Wo liegen Ihrer Erfahrung nach die größten Schwachstellen, wenn es um Einbruchsschutz geht?
Türen und Fenster sind nach wie vor der Hauptangriffspunkt für Einbrüche. Eine unzureichende Montagequalität kann das Problem zusätzlich verschärfen. Ungesicherte Übergänge wie Terrassen, Dächer oder Nebengebäude stellen ebenso ein Risiko dar wie schlecht einsehbare Zugänge, beispielsweise Treppenabgänge oder die Einfahrt am Garagentor. Täter könnten sich hier verstecken, um unbemerkt in die Garage zu schlüpfen, nachdem das Garagentor geöffnet wurde. Generell bieten alle Türen und Tore, die sich vor dem Betreten des Geländes automatisch öffnen, Tätern die Gelegenheit, unbemerkt einzudringen.
BVSW: Sie entwickeln objektbezogene Sicherheitskonzepte. Wie gehen Sie dabei vor?
Im Regelfall erhalten wir ein Anforderungsprofil von einem Sicherheitsdienstleister, der einen ganzheitlichen Blick auf die Situation hat und festlegt, welche Schutzklasse für die Außenhaut erforderlich ist.
Ist kein Partner eingebunden, beraten wir den Kunden zu den passenden Sicherheitsklassen. Nach einer Objektbegehung und Bestandsaufnahme erstellen wir eine Risikoanalyse und definieren Schutzziele. Außerdem unterteilen wir das Gebäude in unterschiedliche Schutzzonen mit einem individuellen Sicherungsniveau. Anschließend planen wir die mechanischen und elektrischen Maßnahmen, holen uns aber Kooperationspartner aus den Bereichen Alarm- und Videotechnik dazu.
BVSW: Welche Rolle spielt Ihr Prüflabor in der Entwicklung und Bewertung von Sicherheitslösungen?Das Prüflabor bietet die Möglichkeit, realitätsnahe Tests von Bauelementen durchzuführen, und schafft so eine ideale Verbindung zwischen Theorie, Norm und Praxis. Für die Zulieferindustrie überprüfen wir neue Bauteile – sowohl gemäß der geforderten Norm als auch im Hinblick auf ein realistisches Angriffsszenario in Abhängigkeit vom Anforderungsprofil. Außerdem können wir ganze Hauswände nachstellen, wobei wir auch optische Gesichtspunkte berücksichtigen. Der Kunde hat dann die Möglichkeit, die Wand seines späteren Hauses zu begutachten, und wir führen in Abstimmung mit den Sicherheitsberatern eine einbruchhemmende Prüfung durch.
BVSW: Wie kann man sich das vorstellen?
Unser Ziel ist es, das Bauteil in der Wand so zu öffnen, dass eine durchgangsfähige Öffnung entsteht – und zwar ausschließlich mit manueller Kraft und unter Einsatz jener Werkzeuge, die je nach einbruchhemmender Klasse oder Anforderungsprofil vorgesehen sind. Dazu zählen beispielsweise Brecheisen, Trennschleifer oder Spaltwerkzeuge – kurz: alles, was der Werkzeugfundus hergibt. Diese manuellen Tests sind so wichtig, weil sich ein und dasselbe Material je nach eingesetztem Werkzeug, Kraftaufwand und Engagement des Täters völlig unterschiedlich verhalten kann.
BVSW: Wie groß ist die Diskrepanz zwischen Normprüfung und realem Angriffsszenario?
Eine Norm basiert immer auf standardisierten und reproduzierbaren Bedingungen. Ein Einbrecher dagegen ist ein denkender Mensch – und der lässt sich nicht in ein normatives Raster pressen. Täter nutzen häufig genau jene Schwachstellen, die außerhalb der Normlogik liegen. Wie kreativ dabei vorgegangen wird, zeigen eindrücklich die Schäden, die mitunter in Justizvollzugsanstalten oder forensischen Kliniken entstehen und selbst Fachleute überraschen. Die dort Untergebrachten haben schlicht Zeit zum Nachdenken – und kommen dabei auf erstaunlich ausgefallene Ideen.
Hinzu kommt, dass viele Normen das veränderte Täterverhalten nicht mehr vollständig abbilden und in Teilen überholt sind. Insgesamt lässt sich festhalten: Normen sind die Basis, doch je nach Schutzbedürfnis sind individuelle Prüfungen unerlässlich.
BVSW: Welche Entwicklungen werden die bauliche Sicherheit in den nächsten Jahren am stärksten verändern?
Die Gewalt der Täter steigt, der sparsame Umgang mit Energieressourcen spielt eine zunehmend größere Rolle, und auch das Thema Resilienz rückt immer mehr in den Fokus, insbesondere bei Gebäuden der kritischen Infrastruktur.
Ein Zusammenspiel aus höheren Sicherheitsstufen und verbesserten Bauteilen in Bezug auf die Wärmedämmung sowie in Bezug auf den Schutz vor Unwettergefahren ist das, was wir in den nächsten Jahren sehen werden.
BVSW: Wohin geht der Trend: Mehr Technik oder stärkere physische Gebäudehülle?
Mechanik bildet das Fundament, die Elektrik ergänzt – aber beides funktioniert nur im Zusammenspiel. Auch eine Abstimmung auf die Bedürfnisse und Lebensgewohnheiten der Schutzperson ist wichtig, damit die Sicherheitsmaßnahmen nicht als Hindernis wahrgenommen werden. Andernfalls tendieren Menschen dazu, sie nicht zu nutzen oder zu umgehen – und damit haben wir wieder eine offene Flanke.
BVSW: Wenn Sie Unternehmen oder exponierten Personen nur einen einzigen Rat geben dürften – welcher wäre das?
Sicherheit sollte immer ganzheitlich und frühzeitig geplant werden.
Vielen Dank für das Gespräch!
Über Alexander Dupp: Mit über 20 Jahren Erfahrung im Sachverständigenwesen hat Alexander Dupp eines der führenden Gutachterbüros Deutschlands aufgebaut. Seine Spezialisierung liegt in der Begutachtung von Fenstern, Türen, Fassaden, Toren und Rollläden – von Alltagsschäden bis zu hochkomplexen Sicherheitssystemen und Denkmalschutzprojekten. Seit April ist er Mitglied im BVSW.
